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Archive for Juli 2010

Fast jeder Piper kennt das Problem :

Da will man bei einem Treffen ein paar Melodien mit anderen Pipern zusammen spielen, aber es klingt furchtbar, weil die Chanter nicht zusammenpassen und auch durch Verwendung anderer Reeds oder durch Abkleben nicht passend gemacht werden können.

Der Grund ist in einigen Besonderheiten des Bagpiper-Musiksystems begründet.

1. Im Gegensatz zur „normalen“ Musik gibt es bei der GHB keinen genormten und für alle verbindlichen Kammerton. Der Chanter-Grundton „Low A“ kann im Prinzip jede beliebige Tonhöhe haben. Im Moment sind Frequenzen zwischen 459 („alte“ Stimmung) und 485 Hz („fiepsiger Tin-Whistle-Ton“) üblich, wobei Frequenzen zwischen 472 bis 479 Hz relativ häufig vorkommen.  Ganz alte Chanter aus der Zeit des 1.Weltkriegs liegen bei 444 Hz.

Zum Vergleich: die Konzertmusik hat seit 1939 einen genormten Kammerton „a'“ von 440 Hz, der für alle Instrumente verbindlich ist.

In der Praxis baut jeder Pipe-Maker seine Chanter so, wie es ihm richtig erscheint. Keiner nimmt Rücksicht auf die Chanter eines anderen Pipe-Makers und keiner fühlt sich bemüssigt, irgend einen Grundton (ausser seinem eigenen) als verbindlich anzusehen. Im Gegenteil, jeder will sich absetzen und genau den Ton erzeugen, der bei Competitions auffällt und Punkte bringt. Deswegen geht die Frequenz auch laufend hoch, denn hohe Chanter klingen „frisch“.

2. Die Intervalle der einzelnen Töne auf dem Chanter sind ebenfalls nicht genormt, unterliegen aber akustischen Gesetzmässigkeiten. Da die Drones bei der GHB ständig mitlaufen, müssen die Chanter-Töne notwendigerweise harmonisch gegen die Obertöne der Drones gestimmt werden, damit sie gut klingen, und diese Obertöne  folgen der Naturton-Reihe. Daraus ergibt sich, dass die Intervalle eines gut klingenden Chanters nicht den Intervallen der gleichstufigen Konzertstimmung, bei der alle Halbtonschritte gleich gross, nämlich 100 Cents, sind,  entsprechen können.

Die traditionelle Pipe-Skala, die auf der Pentatonik aufbaut,  kennt grosse Ganztöne, kleine Ganztöne und vermehrte Halbtöne, bei rein pentatonischen Skalen noch kleine Terzen.

Modernere Pipe-Skalen nähern sich dem diatonischen System an, das beim Zusammenspielen mit Blasinstrumenten angenehmer klingt und dem Hörempfinden von Nicht-Pipern näher kommt. Ein erfahrener Piper hört den Unterschied und wird für den Solo-Vortrag einen traditionellen Chanter bevorzugen.

schottische (!) Tonbezeichnungen

B=H; C=Cis usw

Low A -B B – C C – D D – E E – F F – HighG High G –

High A

Intervalle in Cent Konzertstimmung

(gleichstufig)

200 200 100 200 200 200 100
Intervalle in Cent diatonisch

(modern)

204 182 112 204 182 204 112
Intervalle in Cent Chanter pentatonisch

(traditionell)

204 182 133 182 182 133 182

 

In der gleichstufigen Stimmung, z.B. bei einem Klavier, sind alle Halbtonschritte 100 Cent und alle Ganztonschritte 200 Cent gross – siehe 2.Zeile in der Tabelle.

Die dritte Zeile zeigt die Intervalle eines modernen Orchestral-Chanters mit kleinen (182) und grossen (204) Ganztönen. Die Halbtonschritte mit 112 Cents sind hörbar grösser als bei der Konzert-Stimmung. Derartige Chanter sind gut im Zusammenspiel mit Blasmusik oder Orchestern und in modernen Pipebands.

Klassische Solo-Chanter haben ebenfalls grosse (204) und kleine (182) Ganztöne, aber die Halbtonschritte mit 133 Cent (C-D und F-HG) sind deutlich abweichend von allen bekannten Skalen. Daraus ergibt sich in der „oberen Hand“ eine ganz andere Einteilung der Skala. Jeder Piper kennt das im Zusammenhang mit dem High G.

Die Folgerungen daraus sind :

a) beim Zusammenspiel mit genormten Instrumenten, z.B. einem Klavier, lassen sich schräge Töne nicht vermeiden.

b) Band-Chanter und Solo-Chanter unterscheiden sich hörbar, selbst wenn sie vom selben Hersteller sind und den gleichen Grundton aufweisen.

c) da alle Stimmgeräte auf der gleichstufigen Stimmung aufbauen, ist das Ausmessen eines Chanters nur mit Hilfe von Tabellen möglich, die die Abweichungen in Cent darstellen.

Es ist nicht möglich 1:1 ein elektronisches Stimmgerät mit dem Chanter zu benutzen und damit gute Ergebnisse zu erzielen.

3. Es ist möglich, einen Chanter mit besonderen Reeds um 5 oder 6 Hz nach oben oder unten zu verändern. Also z.B. das Low A von 472 auf 477 zu bringen. Mehr geht nach meiner Erfahrung und nach Aussagen von Reed-Makers nicht. In der Regel verändert sich dabei auch die Skala und die Gefahr ist gross, dass der Chanter schief oder matschig klingt, obwohl es eigentlich ein guter Chanter ist.

Reeds und Chanters sind akustisch gesehen ein rückgekoppeltes System und Veränderungen am Reed bedingen auch Veränderungen am Chanter. Ich empfehle dringend, davon die Hände weg zu lassen : die Reparatur eines versauten Chanters ist teurer als ein neuer Chanter!

Die Schlussfolgerungen insgesamt sind :

Wenn Sie mit anderen zusammenspielen wollen, müssen Sie einen Chanter wählen, der sich in die Gruppe einfügt. Die meisten Piper in Schottland, die öfters in Bands oder Mini-Bands spielen, haben drei oder vier verschiedene Chanter und können einen passenden oder fast passenden auswählen.

Bei Veranstaltungen mit massed bands in Schottland wird der Grundton eines Referenzchanters bei der Ausschreibung  angegeben, z.B. Low A = 475 Hz, damit alle Teilnehmer zueinander passende Chanter mitbringen können. Wie Sie diese 475 Hz messen und einstellen, ist ein Kapitel für sich und sprengt das heutige Thema.

Im Übrigen : je grösser die Masse der Bands, desto weniger fallen Abweichungen dem Zuhörer auf. Wenn Ihre Nachbarn aber plötzlich von Ihnen abrücken, dann ist der Verdacht berechtigt, dass entweder Ihr Chanter nicht stimmt oder dass Sie in eine „Tretmine“ gedappt sind.

Gruss

reinhold

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